Ein Mikrokosmos menschlichen Treibens

Rottenburg · Theaterschule 

Proben am Torbogen: Ein Mikrokosmos menschlichen Treibens

Das TAGBLATT besuchte eine Probe im Theater am Torbogen in Rottenburg. Neun- bis zwölfjährige Kinder proben dort derzeit das Stück „Die Märchen drehen durch“. Premiere ist am Samstag.


Schwäbisches Tagblatt
01.04.2022
Von Jana Breuling

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Die Märchen funktionieren nicht mehr so, wie sie sollen – Probe der Theaterschule des Theaters am Torbogen. Bild: Jana Breuling 

Bereits eine viertel Stunde vor Probenbeginn stehen die ersten Kinder vor dem Theater am Torbogen und unterhalten sich lebhaft mit ihrer Theaterpädagogin Janina Fahrner. Sie leitet den Kurs mit zehn Kindern, die im Alter von neun bis zwölf sind und sich sichtlich auf die bevorstehende, anderthalbstündige Probe freuen. Im Vorstellungsraum schlüpfen sie rasch in ihre Kostüme, ehe sie gemeinsam nochmals den Text durchgehen. Den können noch nicht alle auswendig, doch bis zum Wochenende muss er sitzen, betont Fahrner.

Seit 15 Jahren arbeitet Janina Fahrner als freiberufliche Theaterpädagogin im Raum Tübingen und Stuttgart. Am Theater am Torbogen ist sie seit zwei Jahren tätig. Das aktuelle Stück, das sie mit der Gruppe einstudiert, ist „Die Märchen drehen durch“, das sie vor ein paar Jahren entwickelt hat. Es handelt davon, dass bei den Märchen nicht mehr alles so funktioniert, wie es sollte. Die Märchen, erzählt Fahrner, stecken an einer Stelle fest und müssen immer wieder in die Wiederholung gehen: Die Prinzessin wirft wiederholt den Frosch gegen die Wand, doch der will sich einfach nicht in einen Prinz verwandeln, das Dornröschen muss dauernd seinen Geburtstag feiern, die Prinzessin auf der Erbse kann nicht einschlafen. Deswegen macht sich die Königstochter auf den Weg in Welt der Menschen und sucht bei ihnen Hilfe, damit die Märchen zu Ende erzählt werden können.

Eine Herausforderung in der theaterpädagogischen Arbeit mit Kindern bestehe darin, jedem eine Rolle zuzuweisen, in dem es sich wohlfühlt“, sagt Fahrner. Um dies herauszufinden, beschäftigte sich die Gruppe zunächst ganz frei mit Märchen und Märchenfiguren, ehe alle das Stück gemeinsam durchlasen. Schnell kristallisierte sich heraus, wer welche Rolle übernehmen möchte, dabei spielten weder das Geschlecht noch Gut oder Böse eine Rolle.

„Doch es kann auch mal anders laufen“, weiß die langjährige Theaterpädagogin. „Tatsächlich gibt es dann aber auch Möglichkeiten, Rollen aufzuteilen.“ Auch in diesem Stück improvisierte Fahrner ein wenig, etwa bei einem Mädchen, das wegen Corona wenig da war. Für sie erfand Fahrner eine kleinere Rolle, mit der sie nun sehr glücklich ist.

In dem Kurs hätten die Kinder nicht nur Spaß und Freude, sondern könnten auch die eigenen Grenzen ausdehnen, sich mit der Tatsache befassen, dass man manchmal auch auf Dinge verzichten muss und nicht alles umsetzen kann, was man möchte, so Fahrner. Die Theaterarbeit trainiere auch Präsenz, Vortrag und die Stimme der Kinder und trage dazu bei, ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. „Die Kinder können auf der Bühne wie in einem geschützten Raum ausprobieren, was sie sich trauen.“

Mut beweisen die Kinder dieses Wochenende, wenn sie nach vielen Proben „Die Märchen drehen durch“ aufführen: am Samstag und Sonntag, 2. und 3. April, jeweils um 15 Uhr im Theater am Torbogen.

Warum das Theaterspielen so gut für junge Menschen ist

„Unsere Erfahrung zeigt, dass Theaterspielen bei Kindern und Jugendlichen für die Entwicklung der eigenen Identität und des Gruppensinns Wunder bewirken kann“, sagt Anne Kathrin Klatt, Intendantin des Theaters am Torbogen. „Das Spiel ist eine Selbstbestätigung des Menschen: Ich lebe, ich bin nicht allein, ich bin ein wertvoller Teil des Ganzen, gemeinsam schaffen wir etwas ganz besonders, ich werde gesehen und gehört.“ Theater sei somit selbstwirksam auf vielfältigen Ebenen. Jeder ziehe individuell daraus, was er für sein Leben braucht, etwa Selbstbewusstsein, Stärke, Gemeinsinn, Poesie, Konfliktfähigkeit oder Spaß, so Klatt. „Die Theaterschule ist ein Mikrokosmos menschlichen Treibens und vermittelt: Da ist noch mehr drin im Leben. Spiel damit!“

Die Theaterschule richtet sich an alle Altersgruppen. Zwei neue Kurse starten am 25. April, einer montags von 16.30 bis 18 Uhr für Neun-bis 13-Jährige. Ein zweiter Kurs für 14- bis 18-Jährige ist mittwochs von 18.30 bis 20 Uhr. Anmeldung und Infos unter: theaterschule@tat-rottenburg.de oder telefonisch unter 07472/25371. Schnuppern ist möglich!