Über Religionsgrenzen hinweg

Torbogen-Intendantin Anne-Kathrin Klatt und Michael Miensopust gaben im Libanon einen Theaterworkshop für syrische Flüchtlinge.

21.10.2021
Von Frank Rumpel

Rottenburg · Kultureller Austausch
Über Religionsgrenzen hinweg

Kultur verbindet: Anne-Kathrin Klatt und Michael Miensopust gaben eine Workshop im Libanon.

Privatbild 

 

Sie sind viel und gern unterwegs – zumindest war das vor der Corona-Pandemie so. Anne-Kathrin Klatt, seit Anfang des Jahres Intendantin des Rottenburger Theaters am Torbogen, und Michael Miensopust, der das Bürgertheaterensemble betreut, arbeiteten schon in Sri Lanka, Iran, Myanmar, Pakistan oder Angola, gaben mal Gastspiele oder entwickelten vor Ort Theaterprojekte. „Wir haben den Ruf, dass wir uns trauen“, sagt Miensopust. Viele Engagements laufen über das Goethe-Institut.

Für den Libanon hatten sie schon unmittelbar vor und dann nochmals während der Pandemie eine Einladung bekommen, doch beide Male abgesagt. Nun bot sich erneut die Gelegenheit und diesmal sagten sie zu. „Wir wollten auch mal wieder raus“, sagt Miensopust, der neun Jahre lang das Kinder- und Jugendtheater am LTT leitete. „Action for hope“ heißt die 2015 gegründete Nichtregierungsorganisation, die sie eingeladen hat. Sie betreibt im Osten des Libanons, in der Bekaa-Hochebene etwa 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, eine Musik- und Theaterschule für Erwachsene und Kinder. Die großen Flüchtlingscamps liegen gleich um die Ecke. Im Libanon haben, so schätzt die UN, rund 1,5 Millionen vor dem Bürgerkrieg geflohene Syrerinnen und Syrer Zuflucht gesucht. Viele von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. „Action for hope“ hat sich zur Aufgabe gemacht, zumindest einigen Geflüchteten mit Kunst und Kultur nicht nur Abwechslung, sondern tatsächlich neue Perspektiven, Ideen und Möglichkeiten zu eröffnen. Die Musik- und Theaterschule sei ein „sozialer Melting-Point“, sagt Klatt, ein Ort, an dem sich Menschen treffen, gemeinsam etwas lernen. „Das ist für viele eine Art Familie.“ Den 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihres Workshops vermittelten die beiden Grundlegendes zu Schauspiel, Bewegung und Darstellung.

In der Gruppe, die aus Frauen und Männern, Christen wie Muslimen im Alter zwischen 10 und 50 Jahren bestand, herrschte „eine super Stimmung“, sagt Klatt. Verständigt haben sie sich über eine Dolmetscherin. Einige hatten schon etwas Theatererfahrung, für andere war es Neuland. Am schwierigsten sei es gewesen, mit so vielen Leuten in einem kleinen Raum unter Coronabedingungen zu arbeiten. Aber es ging dann doch erstaunlich gut. In diesem Rahmen funktionierte auch die kreative Körperarbeit, abstrakte Bewegung und Improvisation über Geschlechter- und Religionsgrenzen hinweg. „Das fanden die klasse, die fühlten sich befreit“, sagt Klatt.

Knapp zwei Wochen waren sie im Land, schauten sich auch die Hauptstadt Beirut an, wo vor gut einem Jahr die gewaltige Explosion eines Getreidesilos ganze Stadtviertel zerstörte. Leute, mit denen sich Klatt und Miensopust unterhielten, waren angesichts der politischen Verhältnisse relativ frustriert. „Und alle wollen weg. Die Jugendlichen sehen überhaupt keine Perspektive für sich im Land.“ Nach der Explosion, sagt Klatt, hätten viele auf Besserung gehofft. „Aber die haben gesehen, dass sich einfach nichts ändert.“

Trotz der schwierigen Umstände gibt es im Libanon eine aktive Kulturszene. „Ich bewundere, welchen Lebensmut die haben, nach allem, was die Regierung den Leuten angetan hat“, sagt Klatt. „Dass die auch zu so einem Workshop kommen, das fand ich stark.“ Man bekomme in solchen Situationen eine differenziertere Wahrnehmung, was den Menschen wichtig ist – und das sei im Kern überall auf der Welt dasselbe. „Das prägt meine Theaterarbeit auch hier“, sagt sie. Und zurück in Deutschland stellt Miensopust fest: „Wir jammern hier doch auf hohem Niveau. Dort beschwert sich keiner wirklich, die regeln da ihren Alltag.“

Einmal im Jahr veranstaltet die „Action for hope“-Theaterschule im Libanon ein mehrtägiges Open-Air-Festival, bei dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer, aber auch Lehrerinnen und Lehrer auftreten. Die Workshop-Gruppe von Klatt und Miensopust zeigte vor etwa 200 Leuten ein 15-minütiges Stück, das sie in den Tagen zuvor erarbeitet hatten. Und das kam ganz ohne Worte klar, die in diesem mehrsprachigen Kontext auch nicht viel Sinn gemacht hätten.

In dem Stück gab es als Requisit nur einen Stuhl, um den sich alles drehte. Der stand unter anderem für Territorium und Macht. Gegen Ende der Aufführung kämpfen zwei Männer um den Stuhl, der schließlich in Stücken auf der Bühne lag. Das Stück kam ziemlich gut an beim Publikum, sagt Klatt – und schiebt dann hinterher: „Die Menge hat getobt“. Nächstes Jahr sind sie übrigens wieder eingeladen. Wenn es terminlich passt, sagen sie, würde sie gerne nochmal hinfahren.